Dienstag, 30. August 2016

Der Weg zur Selbstfindung



Jetzt sitze ich also hier, in der öden staubtrockenen Hitze, umgeben von nichts als Sand. Lediglich ein paar Palmenzweige spenden lächerlich wenig Schatten – aber lieber so, als in der brütenden Sonne gleißend vor mich hin zu braten wie ein Tarsk am Spieß. Schweiß perlt mir von der Stirn und ich nehme den letzten Schluck des mittlerweile pisswarmen Wassers aus meinem Wasserschlauch. Buäh! Wäre meine Kehle nicht so furchtbar trocken, hätte ich das Zeug wieder ausgespuckt. Ich hebe meinen Blick und lasse ihn mit zusammengekniffenen Augen über die Wüstenlandschaft schweifen. Am Horizont erstrecken sich flackernd in den Hitzewallungen Gebäude in den blassblauen, wolkenlosen Himmel. Wenn mich nicht alles täuscht – und bei den Priesterkönigen, lass es keine Fata Morgana sein – liegt eine Stadt mitten in der Wüste. Die Oase der Zwei Scimitare! Dort wird es Wasser, Nahrung und eine Unterkunft für mich geben. Meine erste Station werde ich also in Kürze erreichen. Und ich fühle mich jetzt schon beschissen genug, um wieder umkehren zu wollen, in meine angenehm klimatisierte Heimat, einem kleinen Dorf am Fuße des Voltai-Gebirges, in der Nähe von Talmont.

Darf ich vorstellen? Emilio Jamal - Jäger aus dem Voltai-Gebirge

Warum war ich noch gleich auf die unsinnige Idee gekommen Haus und Hof zu verlassen, um mich irrwitzig und Hals über Kopf in eine Pilgerreise zu stürzten? Was waren noch gleich die Worte des Dorfältesten, ehe er mich mit dem albernen Stab losschickte? Selbstfindung? Wahres Ich? Bedeutung des Goreanischen Lebens? Ich gebe zu, ich bin nicht gerade der Freigeist. Die Blaue Kaste ist mir so fremd, wie einer Pagaschlampe. Dafür beherrsche ich die wilde Jagd. Tarsk, Verr, Kailiauk, Tabuk, sogar Larl und Sleen habe ich erlegt, ein Dutzend mindestens. Mir ging‘s gut! Ich hatte genügend Fleisch, Knochen, Sehnen, Felle, Leder und die anderen kleinen und großen Schätze eines ordentlich geschossenen Wildtieres. Meine Ware war begehrt, auch bei den reichen Hochkästigen. Die Weiber schmolzen dahin beim Anblick meines Körpers, so einige hätten sicher hübsch in einem eisernen Kragen an meiner Seite gemacht. Warum also sollte ich all das hinter mir lassen, mich stattdessen auf eine Reise zur angeblichen Selbstfindung machen? Habe ich mich nicht bereits selbst gefunden?

Leider waren die Worte und vor allem der Rat des Dorfältesten einem Rat der göttlichen Priesterkönige gleichzustellen, sodass ich ohne Widerspruch meine sieben Sachen packte und das nächste Schiff auf dem nahegelegenen Thassa-Fluss nahm. Meinen geliebten Speer und den selbstgeschnitzten Bogen ließ ich zu Hause. Hier würde ich zurückkehren, wenn ich das Sardar-Gebirge, das Ziel einer jeden erfolgreichen Pilgerreise, erreicht habe. Jetzt sitze ich mehr als 4.000 Passang später – die letzte Hälfte größtenteils auf einem Kaiila reitend – unter einer einzelnen Palme. Ich schloss mich vor einigen Tagen einer Karawane an, welche ebenfalls die Oase ansteuert. Das Fahrende Volk war mir nicht ganz geheuer. Der Begriff „Händler“ fiel hier schnell, aber womit sie handeln, wollten sie mir bis jetzt nicht verraten. Dennoch erfüllten sie soweit ihren Deal: für ein bisschen Trockenfleisch und Leder meiner kostbaren Vorräte bringen sie mich heil und sicher in die Oase der Zwei Scimitare und stellen mir sogar ein Kaiila zur Verfügung. So viel reiten war ich gar nicht gewohnt und jetzt brennen meine Muskeln und mein Arsch schmerzt unglaublich. Prüfend greife ich mir in den Schritt, auch dort schien alles Wund gescheuert, doch ich wagte keinen Blick unter den Hosenbund. „Los, weiter!“ Die Stimme des Karawanen-Anführenden, einem älteren Mann, der für sein Alter dennoch standhaft dem Sand und der Hitze trotzt, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich erhebe mich. Jetzt ist es nicht mehr so weit. Sicherlich schaffen wir das letzte Stück auch noch.

Die Ahn ziehen sich hin, meine Lippen sind trocken und sandig. Ein Wind kam auf, unangenehm peitschen mikroskopisch kleine Sandkörner ins Gesicht. Ich muss blinzeln und schlinge mir ein Stück Stoff schützend um Mund und Nase. Allmählich erkenne ich mehr und mehr Grüne stellen, hier und da, wo sich karge Äste aus dem unnachgiebigen Sandmeer kämpfen, schlage zarte Knospen aus. Das Tor zur Oase der Zwei Scimitare tut sich auf. Das Abenteuer kann beginnen! … Und dabei fühle ich mich jetzt schon, als hätte ich eine ganze Pilgerreise hinter mir…

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